An manchen Tagen (2010)

An manchen Tagen, da genügt mir einfach der Gedanke daran, dass Du mein bist.
Und ich denke an nichts anderes. Und ich bin glücklich.
Dann frage ich mich, wie man überhaupt noch glücklich sein kann ohne diesen Gedanken.
Was es gibt nach dem Gedanken. Kann es mich ohne ihn geben?
Was war ich denn ohne ihn? War ich?

Und an manchen Tagen, und das sind weit mehr, da weiß ich, dass ich Dich nicht habe.
Und vielleicht werde ich Dich nicht haben.
Denn gefunden habe ich Dich nicht. Noch nicht.
Und ich frage mich, was ich bin. Ohne Dich. Und was wäre ich?
Was wärst Du? Brauchst Du mich?

© Kathrin Graneis

Mein Herz in der Hand

Mein Herz in der Hand, das blick ich an,
und horche. Und ich warte lang.

Wann wird es mir ein Zeichen geben?
Sieh! – ein Zittern, gar ein Beben?

Nun sprich! Was willst Du mir erzählen?
Von Liebe! Oder ihrem Fehlen?

Vom Märchen! Das nun erst beginnt?
Das gar schon mit dem Ende ringt?

Von unendlicher Sorgenzeit,
vom Kampf mit der Vergangenheit…

Von Dingen, derer, ohnehin,
zu müde ich geworden bin.

Mein Herz in der Hand, das blick ich an,
lass es fallen. Geh von dannen.

© Kathrin Graneis

Eine kleine Langeweile

Oh danke, liebe Langeweile!
Wie gerne bleib ich sitzen um
Ganz ohne Spaß, doch ohne Eile
Einfach mal gar nichts zu tun.

Da ich nun auch zu schätzen weiß
wie ungewöhnlich treu Du bist,
möcht‘ ich nun als – Liebesbeweis!
Dass Du Dich schnellstmöglichst verpisst.

© 2011 Kathrin Graneis

Ein Gedankenexperiment

Es war einmal, vor langer Zeit,
in einem Ort, von hier nicht weit
da kam ein wissbegierig‘ Wesen
auf unsre Erde, sah sich um,
denn hatte es doch viel gelesen,
über der Menschen schlechtes Tun.

Den Menschen selbst versprach der Weise,
am Ende seiner langen Reise
ein Urteil ihnen vorzulegen.
Die Menschen, voller Selbstvertrau’n,
konnten, so dachten sie es eben,
dem Urteil ruhig entgegenschaun.

Das Wesen also machte sich,
voll Hoffnung, diese Zuversicht
sei mehr als blinder Hochmut nur,
nun auf den Weg, und was es sah
war für den Geist eine Tortur.
Und für die Menschen eine Schmach.

Es lernte dort von kaltem Blut,
von leeren Herzen, blinder Wut,
sah Ungerechtigkeit obsiegen,
Und auf der Suche nach dem Sinn
von Morden, Jagden, tausend Kriegen
fand es nur Gier. Doch ohnehin

sprach es das Urteil schon sehr bald:
Berührt von Leid, Krieg und Gewalt,
Von Neid und all dem Unverstand,
Sah es traurig in die Runde –
Die Menschen warteten gespannt
Auf die gewiss erfreulich‘ Kunde –

Und schließlich hob es an, zu sagen:
„Nun muss ich mich doch ernstlich fragen,
ihr habt nicht Leidenschaft, noch Herz –
Die Welt, die ich betreten habe,
sie zeigte mir nur Hass und Schmerz –
Habt ihr nicht eine gute Gabe?“

Schon tobten die Menschen ringsherum,
erkannten die Wahrheit und wurden stumm.
Doch war‘s nicht Schimpf und auch nicht Reu‘
die das Volk verstummen ließ:
Es war die sanfte Melodei
Vom Wind, der durch die Blätter bließ.

Das Wesen lauschte nun gespannt,
und staunte, bis es gleich verstand,
Das, was die Welt zusammenhält
Das Wort, das jedermann versteht,
Das Wertvollste auf dieser Welt
Ist die Musik, die nie vergeht.

©2011 Kathrin Graneis

Winterreise [2009]

Ich blicke hinauf in den Himmel. Vögel haben sich dort schon lange nicht mehr sehen lassen. Es ist irgendwann im tiefsten Winter, bald dürfte Weihnachten sein. Genau weiß ich das nicht, ich bin schon lange unterwegs und habe bald aufgehört, die Tage zu zählen. Als ein eisiger Wind über ein müdes Gesicht streicht, bleibe ich kurz stehen, schließe die Augen und konzentriere mich ganz auf die von dem vielen Schnee gedämpften Geräusche in meiner Umgebung. Ich horche gespannt hin, wie der Wind das Fehlen des Vogelzwischerns versucht, mit melancholischen Melodien auszufüllen. Als ich die Augen wieder öffne, bin ich von neuem erstaunt, wie gewaltig und wunderschön sich die verschneite Landschaft unter der Abendsonne, die sich durch die Wolkendecke nur erahnen lässt, vor mir ausbreitet. Vor mir liegen rötlich beschienene, schneebedeckte Felder, die sich bald zu einer atemberaubenden Berglandschaft auftun. Jeder Tag ist eine kleine Entdeckungsreise, und nachdem ich Wochen in Wäldern, an vereisten Seen und ab und an auch in fremden Dörfern und Kleinstädten verbrachte, werden die geheimnisvollen Berge vor mir eine neue, spannende Erfahrung.

Eines Tages werde ich versuchen, zu rasten, doch noch birgt jeder Tag ein neues Abenteuer. Ob mir eine kleine Rast nicht einmal den Blick für die Wunder schärfen würde, die sich erst im Stillen finden lassen? Manchmal ist ein Weitergehen nicht mehr und nicht weniger als ein Davonlaufen und sicherlich nicht immer ein Voranschreiten… doch von der sich anbahnenden Ungewissheit versuche ich mich mit einem tiefen Atemzug zu befreien.

Mein Blick fällt auf einen einzelnen Laubbaum, der unweit von mir die regelmäßige Schneedecke durchbricht. Er steht dort sehr einsam, ruht geduldig bis der Frühling ihn wieder mit Leben ausfüllt und mit Blättern schmückt. Noch zeigen aber die spitzen, durch den Schnee weiß-schwarzen Äste drohend in die Höhe, als forderten sie die Wolkendecke auf, aufzubrechen und die Sonne freizugeben. Vielleicht, denke ich mir, klappt es ja morgen. Die wundervolle Wintersonne zeigt sich nur allzu selten.

Als ich mich umdrehe, entdecke ich den kleinen Wald, zu dem meine Fußspuren zurückführen. Sie sind kaum noch zu erkennen, es ist viel Schnee gefallen, seitdem ich vor wenigen Stunden, so scheint es, in der Morgendämmerung aufgebrochen bin und den Wald in seinem Trauergewand zurückließ – selbst dort schien sich jedes Lebewesen über den Winter zur Ruhe gebettet zu haben. Alles Leben zieht sich im Winter zurück, zu dieser Zeit ist man dem Tod oft näher, als man es je gewollt hätte. Fröstelnd wende ich mich wieder der Berglandschaft zu. Als es stärker zu schneien beginnt, ziehe ich meine Mütze etwas tiefer ins Gesicht und setze meine Reise zitternd fort. Kurz zuvor hatte ich eine kleine Hütte entdeckt, in der inzwischen Licht brennt. Wenn ich Glück habe, hat sich die Barmherzigkeit der Weihnachtszeit auch in diese Hütte eingeschlichen: alles, was ich brauche, sind ein wenig Wärme, einen Schlafplatz und das Gefühl, wieder Leben um mich herum zu haben, wenn sich in manchen Augenblicken diese beeindruckende Schönheit der Landschaft in einen Friedhof verwandelt, die leisen Melodien der Winde in einen Trauermarsch.

Mit einem neugierigen Blick auf das Panorama, das sich unter den Schneefällen sekündlich verändert, merke ich, wie es die malerische Winterlandschaft auch heute wieder schafft, mir am Ende des Tages einen Ausdruck des Staunens in die Augen, und ein kurzes Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

11.10.2009

© Kathrin Graneis

Schicksalsmelodie

Lebensdurst’ger Herzensschrei!
Suchst die Liebe zu entfachen
Hetzt mit tausend Feuerdrachen
In Windeseil’ – an ihr vorbei.

Unermüdlich Liebeswut!
Willst sie an den Fersen fassen
Willst sie niemals gehen lassen –
schwemmst sie fort mit Deiner Flut.

Schattenfarb’nes Trauerreich!
Betrübst den Blick unwissentlich
Doch muss ich sehn! Muss fühl’n! Muss Dich
Ergreifen, ehe ich erbleich’.

Oh kläglich’ Schicksalsmelodie!
Erschütterst unendliches Sehnen
Bezirzt mein Aug’ mit schmerzlich Tränen
Dich vergessen kann ich nie.

(C) 2009 Kathrin Graneis

Das, was Du für mich bist…

Nun bist Du mein. Ich habe nicht wirklich lange nach Dir gesucht, ich kannte auch schon solche wie Dich. Doch in dem Moment, in dem ich Dich sah, entbrannte in mir ein unbändiges Bedürfnis nach Dir. Nur Du konntest mir heue Abend genug sein, das war mir sofort klar. Ich konnte nicht anders, musste Dich mitnehmen, mit zu mir nach Hause.

Jetzt halte ich Dich, doch ich will mehr. Schnell müssen wir Richtung Heimat, und schon auf dem Weg registriere ich die gierigen Blicke, die auf Dich gerichtet sind, während ich Dich stolz und so ganz nebenbei präsentiere. Wie neidisch sie sind! Allein dieses Bewusstsein macht das Warten an den Ampeln und Kreuzungen erträglicher. Es wird nichts gesagt, in dieser Situation wäre jedes Wort überflüssig, gar peinlich. Schnell, nur schnell nach Hause! Ich nehme Deinen Geruch wahr und laufe sofort schneller. Ich versuche mir gar keine Vorstellung von dem zu machen, das mich erwartet, wenn wir zuhause nur noch uns haben. Und die Vorstellung, dass es das erste und letzte Mal ist, dass ich Dich mitnehme, jagt mir auch keinerlei Melancholie ein. Warum auch? Sonst würde unser baldiges Aufeinandertreffen vollkommen an seinem Glanz verlieren.

Das Haus ist schon in Sicht. Die letzten Schritte erfolgen in freudiger Erwartung des Baldigen. Ich öffne die Tür. Auch mein Hund findet sofort Gefallen an Dir. Nein, Du gehörst mir allein. Nun aber nicht innehalten, nur weiter!

Ich betrachte Dich…. nun kann ich Dir aber wirklich nicht mehr wiederstehen – Dein Duft hypnotisiert mich – ich muss von Dir kosten. Und ich werde nicht enttäuscht. Genau diesen fruchtigen Kern, umgeben von Blätterteig, der vom Puderzucker weiße Stellen hat, hatte ich erwartet. Kein Vanille-Kirsch-Plunder, keine Rosinenschnecke, nein, nicht einmal ein Schokocroissant könnte mir heute mehr sein als Du es momentan bist. Und keine andere Apfeltasche könnte mir heute besser schmecken.

Das, was Du für mich heute bist, ist nichts und niemand sonst für mich – heute. Wer weiß, wonach es mir morgen dürstet?